Samstag 1.08.2015 13:30-14:25 Uhr
Jede Draisine ist eine Miniaturbühne des Alltags: Auf der dreieinhalb mal zwei Meter großen Bambusfläche drängen sich Bauern, Schulkinder, Mönche und stillende Mütter im Schneidersitz zusammen und gackernde Hühner, Trockenfisch, Kühe, Mangos und Säcke mit Reis sammeln sich dort an. Mit bis zu 50 Stundenkilometern rattert im Norden Kambodschas "Norry", wie die aus Bambusflächen bestehende Draisinenbahn heißt, über geflickte Gleise und knarrende Holzbrücken, vorbei an Pfahlbauten, Tempeln, Tamarindenbäumen und Reisfeldern. "Diese Trasse ist wie unser Land", meint Draisinenführer Ly Tith, "geschunden, fast vergessen, aber unzerstörbar." Die Bambusbahn steht für den Überlebenswillen und die Improvisationskunst der Kambodschaner. Anstatt auf Hilfe vom Staat zu warten, haben ein paar Dutzend Bauern vor 25 Jahren auf der verrosteten Kolonialtrasse ihren eigenen Zug gebaut – mit Bambus, Motoren aus gebrauchten Generatoren und Metallrädern aus Schrott-Panzern – einen Zug, der für wenig Geld jederzeit fährt und überall hält. Mittlerweile hat diese improvisierte Bahn ein System. Zwei Dutzend Draisinenführer haben Schichtpläne entworfen, Strecken aufgeteilt und Preise sowie Vorfahrtsregeln festgesetzt. Wie lange "Norry" noch durch die Reisfelder fahren wird, weiß niemand. Die staatliche Zuggesellschaft will die Bambusbahn gegen eine Entschädigung für die Draisinenführer bald aus dem Verkehr ziehen. Aber Ly Tith und seine Passagiere wollen noch nicht daran glauben, dass ihre kleine Bambusbahn eines Tages tatsächlich verschwinden wird.